Was Unordnung mit deiner Psyche macht
Du kommst nach Hause, siehst den Geschirrberg in Küche, die Kartons im Flur, das Chaos im Wohnzimmer – und fühlst dich sofort erschöpfter. Das ist kein Zufall. Was um dich herum liegt, wirkt sich tatsächlich messbar auf dein Stresslevel aus.

Die bekannteste Studie dazu – und was sie wirklich zeigt
Wenn es um Unordnung und Stress geht, taucht immer wieder eine Studie auf: die von Darby Saxbe und Rena Repetti (UCLA, 2010). Für die Untersuchung führten Ehepaare eine Art Video-Rundgang durch ihre eigene Wohnung, während sie beschrieben, wie sie die Räume erleben. Anschließend wurde über mehrere Tage der Cortisol-Verlauf gemessen – also das Stresshormon, das über den Tag hinweg normalerweise absinkt.
Das Ergebnis: Frauen, die in ihrer Beschreibung mehr unordnungsbezogene Wörter benutzten, zeigten einen ungünstigeren Cortisol-Verlauf über den Tag – ein Muster, das mit schlechterer Stressregulation zusammenhängt. Bei den Männern in der Studie war dieser Zusammenhang deutlich schwächer.
Eine ehrliche Einordnung ist mir hier wichtig: Diese Studie beweist nicht, dass Unordnung automatisch krank macht oder Depressionen verursacht. Das wird ihr in vielen Artikeln im Internet unterstellt – zu Unrecht. Was sie zeigt, ist ein Zusammenhang: Wie wir unser Zuhause empfinden, hängt mit unserem Stresslevel zusammen. Das ist auch so schon interessant genug, ganz ohne Übertreibung.
Was noch mehr Studien zeigen
Die Cortisol-Studie ist nicht die einzige. Eine größere Untersuchung der University of East London hat über 1.100 Erwachsene befragt und dabei speziell danach geschaut, wie subjektiv empfundene Unordnung – also nicht objektiv gemessenes Chaos, sondern das eigene Gefühl dabei – mit dem persönlichen Wohlbefinden zusammenhängt.
Das Ergebnis: Genau dieses subjektive Gefühl von Unordnung war einer der stärksten Faktoren dafür, wie wohl sich jemand in seinem Zuhause und im Leben insgesamt fühlte.
Das passt zu etwas, das ich aus meiner Arbeit sehr gut kenne:
Es geht nie um einen objektiven Ordnungsgrad, den man erfüllen muss. Zwei Wohnungen können objektiv ähnlich voll sein – und trotzdem fühlt sich die eine für die Bewohnerin wie Chaos an, die andere wie ein gemütliches, gut funktionierendes Zuhause. Entscheidend ist, wie du deine Wohnung erlebst, nicht wie sie im Vergleich zu einem Ideal abschneidet.

Das „Hier ist noch was offen“-Signal im Kopf
Es gibt noch eine viel alltäglichere Erklärung, warum Unordnung sich anstrengend anfühlt – die brauchst du dafür keine Studie: Jeder Gegenstand, der eigentlich woanders hingehört, ist für dein Gehirn ein kleines offenes To-do. Die Post auf dem Tisch, der Wäscheberg auf dem Stuhl, der Karton im Flur, der seit dem Umzug vor sich hinsteht – all das läuft im Hintergrund mit, auch wenn du bewusst gar nicht mehr hinschaust.
Das erklärt, warum eine unaufgeräumte Wohnung oft erschöpfender wirkt, als sie eigentlich „sein müsste“. Es ist nicht nur der Anblick. Es ist die Summe an kleinen, unerledigten Dingen, die im Kopf mitlaufen.
Macht Unordnung kreativer? Die Forschung ist sich uneinig
2013 sorgte eine Studie von Kathleen Vohs und Kolleginnen für Aufsehen: Menschen in unaufgeräumten Räumen schnitten bei Kreativaufgaben besser ab als Menschen in aufgeräumten Räumen. Ordentliche Umgebungen führten dagegen eher zu gesünderen Entscheidungen und mehr Großzügigkeit. Die Studie wurde vielfach zitiert – oft mit der plakativen Botschaft „Chaos macht kreativ“.
Nur: Als andere Forschende 2018 mit einer größeren Gruppe von Teilnehmenden versucht haben, genau dieses Ergebnis zu wiederholen, fanden sie keinen messbaren Unterschied in der Kreativität zwischen aufgeräumten und unaufgeräumten Arbeitsplätzen. Die Wissenschaft ist sich hier also tatsächlich uneinig – dein Eindruck, dass es dazu ambivalente Forschung gibt, trifft es ziemlich genau.
Außerdem möchte ich zu bedenken geben: Mit großer Sicherheit führt Chaos nicht zur Kreativiät – kreative Menschen sind häufig einfach etwas „chaotischer“. Das deckt sich zum Beispiel mit gesicherten Ergbenissen rund um ADS/ADHS. Neurodivergente Menschen sind schneller unordentlich, weil ihr Hirn einfach anders funktioniert (das Thema ist groß, dazu mache ich besser mal einen eigenen Artikel).

Was das für dich bedeutet
Wenn du gerade in einer Phase steckst, in der zuhause vieles liegen bleibt: Das ist kein Urteil über dich als Person. Aber es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen, ob das Chaos dir inzwischen mehr Energie raubt, als es kostet, etwas dagegen zu tun. Meistens reicht dafür kein großer Umbruch – schon ein kleiner, machbarer Anfang kann spürbar Druck rausnehmen. Nicht, weil Ordnung ein Ziel an sich ist. Sondern weil ein Zuhause, das nicht mehr ständig „Hier ist noch was offen“ ruft, einfach leichter zu bewohnen ist. Ordnung wird damit einfach zum Werkzeug.

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Über die Autorin
Janina Soufi Siavash
Janina Soufi Siavash ist zertifizierte Ordnungscoachin (CFPO) und hilft Menschen dabei, in ihrem Zuhause eine Grundordnung zu schaffen. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern darum, durch Ordnung Entlastung im Alltag zu finden und sich in den eigenen vier Wänden wohl zu fühlen.


